Die Schule hat es zu richten.
Ein Endlosproblem in der Distanz betrachten.
von J. Kaufhold
Am 21. Juli 2025 erschienen erschütternde, an diesem Tag mehrfach ausgestrahlte Beiträge in der ARD. Studien hatten belegt, dass die Jugend der Republik nicht in der Lage ist, mit den eigenen, oft genug beschränkten finanziellen Mitteln umzugehen. Ein Fünftel der 14- bis 29jährigen ist verschuldet. Unglaublich, ein „Rekordhoch“.
Und in den Beiträgen wird eine Schule gefeiert, an der genau das zum Thema gemacht, die Erziehung zur Organisation eigener Finanzen und Vermitteln der Kenntnis wirtschaftlicher Zusammenhänge. Die Sensation. Endlich wird an der Realität orientiert schulisch basiert erzogen.
Endlich.
Pädagoginnen und Pädagogen, die im schulischen Alltag stehen, werden diesen Beitrag mit Schmunzeln wahrgenommen haben. Beiträge dieser Art gibt es zuhauf, tragen Eulen nach Athen. In Niedersachsen, wie in allen Bundesländern, wird das Fach Wirtschaft mit den dargestellten Inhalten seit Jahren erteilt.
Grundsätzliche Erkenntnis aber: Die Pädagogik, die Schule haben es zu richten. Da stehen immerhin Probleme an, die die Schule sicher einer Lösung zuführen wird.
Unsere Jugend leidet unter Zunahme von Stress, Angststörungen, Depressionen, Leistungsdruck, Überforderung, übermäßiger Nutzung sozialer Medien, Cybermobbing, Suchtverhalten, Desinformation, sie leidet durch Orientierungslosigkeit in Fragen der eigenen Identität, unter Konflikten durch kulturelle oder geschlechtliche Diversität, unter Erfahrungen mit gesellschaftlicher Ausgrenzung, es belastet sie die Sorge um Klimawandel, Kriege, wirtschaftliche Unsicherheit, berufliche Perspektivlosigkeit. Das alles geht mit beunruhigender gesundheitlicher Entwicklung einher, mit fehlender körperlicher Aktivität, schlechter Ernährung, Schlafmangel, verbunden mit zunehmend wahrnehmbaren Schwierigkeiten in der Kommunikation, im Umgang mit Konflikten und im Sozialverhalten. Und in der Folge, der Wahrheit sei Ehre gegeben, gefährdet die Entwicklung den gesellschaftlichen Zusammenhalt, die demokratischen Grundlagen, die Zukunft.
Die Schule, absolut klar, wird es, nein, hat es zu richten!
Mit Blick auf die Geschichte, der Mensch soll aus der Geschichte schließlich lernen, waren die Probleme immer schon präsent – wenn auch, zugegeben, anders. Die Worte Aristoteles‘ sind bekannt.
Das Nachdenken über und die Arbeit an Pädagogik und Erziehung gleichen einem Rudern gegen den Strom, einem Kampf des Sisyphos gegen den immer wieder herabrollenden Stein.
Vor einem Jahrhundert, 1925, erschien ein Werk, das eben dieses Thema aufgriff. Unter dem Titel “Sisyphos oder die Grenzen der Erziehung“ erschien eine als Kritik an der verkopften Pädagogik gefasste Schrift von Siegfried Bernfeld (1892-1953). Der Autor, ursprünglich mehr der Psychoanalyse verbunden, setzte sich mit Ansätzen der Reformpädagogik auseinander, bezog sich auf Fröbel, nannte reformfreudige Pädagogen „Pädagogiker“. Der schwungvoll geschriebene Text zieht in den Bann, sobald es um die doch offensichtlich bestehende „Kluft zwischen Pädagogik und Erziehung“ (1927, S. 13) geht. Die Kritik deutlich: „… die Pädagogik hält nicht, was man sich von ihr verspricht.“ (1927, Vorwort)
Die Kluft wird deutlich, wenn das Problemfeld aus soziologischer Sicht betrachtet wird. Die Situation der Heranwachsenden, die Lebensrealität weicht ab von erdachten pädagogischen Umschreibungen und erlassgeregeltem schulischen Leben, sie besteht unabhängig, bestimmt von einer Reihe familiär, gesellschaftlich, sozial gegebener Faktoren. Erziehung und Bildung in schulischen Einrichtungen und die bestimmende Pädagogik, das gelingt dem Autoren, sollen und müssen mit neuer Sicht wahrgenommen werden. Eine Kritik, die in der Weimarer Zeit mit breiter Zustimmung aufgenommen wurde.
Der Titel wurde Bestseller, 1927 erschien bereits die zweite Auflage, wurde schließlich Standardwerk, wurde im Zusammenhang mit der Diskussion um die antiautoritäre Erziehung neu durch den Suhrkamp Verlag auf den Markt gebracht. Der Titel ist bis heute im Buchhandel erhältlich.
Allerdings – der Autor liefert keine Lösung irgendeines Endlosproblems, sein Ansatz ist die Betrachtung aus einer teils ironischen Distanz. So schrieb Siegfried Bernfeld im Vorwort zur zweiten Auflage:
„In dem Gefühl, völlig unzeitgemäße Dinge zu sagen, ohne Hoffnung, daß sie in einem breiteren Leserkreis Glauben finden könnten, schien mir ein Buch, das übertreibt und überspitzt, geeignet, wenigstens einige Lacher auf seine Seite zu bringen, etwas Zweifel zu säen, faule Idealisten zu erschüttern.“
Das besondere Buch: Bernfeld, Siegfried: Sisyphos oder die Grenzen der Erziehung. 1925

